Mai 1

Zombie Inc. – Chris Dougherty

Klappentext:

WILLKOMMEN bei ZOMBIE INC., dem führenden Hersteller von Zombieabwehrsystemen in der Republik der Vereinigten Fünf Staaten! Seit 2027 im Geschäft, stellt ZOMBIE INC. SIE an erste Stelle. IHRE Sicherheit ist unser HAUPTZIEL! Unsere zahlreichen Verteidigungsoptionen für Ihr Zuhause – vom Ze Fence® über Ze Popper® bis zum Ze Shed® – passen sich allen Bedürfnissen und jedem Budget an. Benutzen Sie den Scan Code »MEHR ERFAHREN«, um eine KOSTENLOSE unverbindliche vor-Ort*-Beratung zu erhalten. *Planen Sie Ihren Termin im Vertrauen darauf, IHR HAUS NIEMALS VERLASSEN ZU MÜSSEN! Da draußen ist es nicht sicher, und das wissen wir besser als die meisten Menschen! Unsere Vertriebsmitarbeiter sind GUT AUSGEBILDET und in der Lage sämtliche feindlichen Begegnungen mit den Lebenden und den Untoten zu bewältigen. Fünfundzwanzig Jahre nach der tödlichen Seuche steckt das erfolgreichste Unternehmen der Republik der Vereinigten Fünf Staaten, ZOMBIE INC., in Schwierigkeiten. Wird die bloße Tatsache von abnehmendem Nachschub und schwindender Nachfrage das Ende sein oder wird ZOMBIE INC. einen – wie auch immer widerwärtigen – Weg finden, um zu überleben?

Meine Meinung zum Buch:

“Zombie Inc.” von Chris Dougherty ist schwer einzuordnen. Beginnt es sehr humorvoll und könnte aus der Feder von Jeff Strand stammen, so wandelt es sich ziemlich schnell zu einer Mischung aus Zombiehorrorroman, Vergangenheitsbewältigung, Gesellschaftssatire in einer dystopischen Form und purer Kritik am reinen Kapitalismus. Einen derart vielfältigen Roman aus diesem Horrorgenre habe ich selten gelesen.

Was macht eine Firma, wenn die Situation in der Welt sich von ihrem Kerngeschäft entfernt? Was tut man, wenn man auf Zombieabwehr spezialisiert ist und es immer weniger Untote gibt und so manch junger Mensch noch nie einen zu Gesicht bekommen hat? Etwas mehr als 30 Jahre in der Zukunft muss sich dies die Zombie Inc. fragen, die bisher das führende wirtschaftliche Unternehmen in den vereinigten fünf Staaten darstellt, dem Überbleibsel der ehemaligen USA.

20 Jahre nach dem Ausbruch der Seuche, die geliebte Menschen in wandelnde untote Kannibalen verwandelt hat, hat sich das Gefüge beruhigt. Die Menschen leben in abgeschirmten, sicheren Bereichen und müssen mittlerweile wieder mehr Angst vor ihrerseits haben als vor den Monstern aus der Vergangenheit. Wer etwas auf sich hält versucht eine Anstellung bei Zombie Inc. zu erhalten. Dies verspricht Sicherheit, ein geregeltes Einkommen und den Rückhalt des Marktführers im Kampf gegen den Untergang. Dafür nehmen die Mitarbeiter tiefe Eingriffe in ihr Leben und ihre Privatsphäre in Kauf, ja sie merken dies sogar kaum. Alles hat sich nach dem Mitarbeiterhandbuch zu richten, der Bibel aller Angestellten, denn jeder Verstoß wird hart bestraft und die sofortige Entlassung droht und damit die Verbannung vom sicheren Firmengelände.

Carl arbeitet schon lange für Zombie Inc. und ist mit der Kundenbetreuung beauftragt. Als einer der wenigen Mitarbeiter muss er das gesicherte Gelände verlassen und zu den Kunden außerhalb fahren um diese mit ihren von der Firma erworbenen Abwehrmaßnahmen zu betreuen. Er ist immer als erster vor Ort, wenn Probleme auftauchen und so hat er seine Pistole stets griffbereit.
Dill wird ihm als neue Praktikantin zur Seite gestellt. Dill war noch ein kleines Kind, als die Untoten die Welt übernommen haben und so kennt sie fast nur die Firma und deren Sicherheit. Carl hingegen hat als junger Erwachsener den Ausbruch leibhaftig erlebt und ist mittlerweile ein erfahrener Mitvierziger, der sich mit seiner verschlossenen, schwierigen Art selten Freunde macht.
Dieses ungewöhnliche Team stellt sich nun den Gefahren außerhalb der sicheren Zone und muss bald feststellen, dass es auch innerhalb der Mauern von Zombie Inc. Gefahren gibt, die immer mehr um sich greifen.

“Zombie Inc.” lässt sich flüssig und gut lesen und hält unserer Gesellschaft von heute einen Spiegel vor Augen. Die Zombies dienen hier mehr als Hintergrundsetting, als Mittel zum Zweck. Purer Kapitalismus und Big Brother werden teils satirisch, teils emotional und teils hart und direkt thematisiert. Was ist mehr Wert: Produkt oder Kunde, Geld oder Mensch? Und wie sehr lässt sich der Mensch freiwillig versklaven, um einem Ideal nach Sicherheit anzugehören, das bereits längst überholt ist?
Das Buch beginnt humorvoll und endet definitiv ganz anders und erschreckender, als man es erwarten würde. Dies macht die Geschichte daher definitiv lesenwert.

Zombiefans kommen natürlich auch nicht zu kurz. Es gibt sie auch hier noch, die verwesenden Leichen, die nach unserem Fleisch gieren. Es gibt Bisse, es gibt Verwandlungen, es gibt Erlösungen und Tode. Das an Ekel und Gedärm gewöhnte Splatterherz wird daher auch ausreichend bedient.

Etwas gestört haben mich die teilweise gezwungen wirkende Slangausdrucksweise mancher Berufsgruppen von Zombie Inc., die zum Schluss zwar ihre Berechtigung bekommt, mich dennoch genervt hat.
Zudem konnte ich nicht nachvollziehen, warum manche aus der älteren Generation die Eingriffe der Firma in ihr Privatleben und ihre Existenz einfach so hinnahmen. Den jungen Menschen kann man dies erlauben, sie kennen es ja nicht anders, aber diejenigen, die den Ausbruch bereits bei vollem Bewusstsein und im reifen Alter begegnet sind wissen von solchen Praktiken. Warum also lässt man sich dies gefallen, wo es schon seit Jahren keine großen Zombieangriffe mehr gab?

Alles in allem kann man definitiv von einem innovativen Buch im Zombiegenre sprechen, dass sich zu lesen lohnt. Es gibt zwar leichte Punktabzüge in der B-Note, doch gleichzeitig bekommt man sehr viel mehr als bei vielen anderen Vertretern aus der verwesenden Ecke der Apokalypse serviert. Wobei, eigentlich kann man hier getrost von Postapokalypse sprechen, denn die wahren Monster sind hier gewiss keine Zombies.

“Zombie Inc.” von Chris Dougherty aus dem Luzifer-Verlag, 344 Seiten, ISBN-13: 978-3958350847

Buch bei Amazon.de: Zombie Inc.: Thriller
Kindle-Version: Zombie Inc.: Thriller

Vielen lieben Dank an den Luzifer Verlag für das Bereitstellen dieses Rezensionsexemplares.

Category: Buchrezension
April 22

Metro 2035 – Dmitry Glukhovsky (Metro 2033 #3)

Klappentext:

Der Held einer ganzen Generation ist zurück – in METRO 2035 macht sich Artjom erneut auf die gefährliche Reise durch das Dunkel der Moskauer Metro

Seit ein verheerender Atomkrieg zwanzig Jahre zuvor die Erde verwüstet hat, haben die Menschen in den Tiefen der Metro-Netze eine neue Zivilisation errichtet. Doch die vermeintliche Sicherheit der U-Bahn-Schächte trügt: Zwei Jahre, nachdem Artjom die Bewohner der Moskauer Metro gerettet hat, gefährden Seuchen die Nahrungsmittelversorgung, und ideologische Konflikte drohen zu eskalieren. Die einzige Rettung scheint in einer Rückkehr an die Oberfläche zu liegen. Aber ist das überhaupt noch möglich? Wider alle Vernunft begibt sich Artjom auf eine lebensbedrohliche Reise durch eine Welt, deren mysteriöses Schweigen ein furchtbares Geheimnis birgt …

Meine Meinung zum Buch:

Mit Metro 2035 hat Glukhovsky den langerwarteten dritten Teil seiner auch für andere Autoren offenen postapokalyptischen Welt geschrieben, der für so manchen Fan mit unerwarteten Neuerungen aufwartet.

22 Jahre nach der verheerenden atomaren Katastrophe begegnen wir wieder Artjom, dem Protagonisten und Helden aus Metro 2033, an seiner Heimatstation WDNCh. Die Erdoberfläche ist immer noch stark verstrahlt, so dass die Menschen weiterhin tief in der Moskauer Metro ihr Leben fristen. Artjom ist unglücklich verheiratet und hadert mit dem Schicksal der Menschen. Für ihn ist es nicht vorstellbar, dass es außerhalb von Moskau keinerlei Überlebende auf dem gesamten Planeten geben soll und so wirft er sich fast täglich in seinen Schutzanzug und begibt sich in die Häuserruinen Moskaus, erklettert den höchstmöglichen Punkt und versucht Funksprüche zu empfangen – vergebens.
Eines Tages erreicht jedoch ein Reisender die Station WDNCh, der Artjoms Geschichte niederschreiben möchte und den wir aus Metro 2034 bereits kennen. Er nennt sich Homer und berichtet, dass er einen Menschen in einer anderen Station der Metro kennt, der behauptet, er habe Funksprüche von außerhalb empfangen. Dies ist der Startschuss für unseren Protagonisten und seinen schreibenden Weggefährten hinein in eine Geschichte, die beide an ihre Grenzen führen wird – und darüber hinaus.

Wer den Werdegang von Dmitry Glukhovsky in den letzten Jahren beobachtet hat durfte schon feststellen, dass er sich thematisch in seinen Büchern mit immer philosophischeren Themen befasst und auch nicht vor einer kritischen Auseinandersetzung mit den verschiedensten Ideologien zurückschreckt. Dies setzt sich auch in diesem Buch fort und wird die Leser ernüchtern, die wieder mit einem SciFi-Horrorroman voller Monster und Mutanten gerechnet haben, der sich nebenher mit den angesprochenen Themen beschäftigt. Begründet wird es nicht wirklich, jedoch sind alle Mutanten und Monster zwei Jahre nach dem Showdown in Metro 2033 verschwunden. Der Fokus richtet sich im Jahr 2035 ausschließlich auf die Menschen der Metro, was sich diese gegenseitig antun und wie Artjom David-gegen-Goliath-gleich dagegen anzukämpfen versucht – jedoch ohne Steinschleuder.

Die Metro wird hauptsächlich von vier verschiedenen Bewegungen beherrscht. Die kapitalistische Hanse, das faschistische Vierte Reich, die kommunistische rote Linie und die künstlerische Polis, die von dem Orden beschützt wird, dem vor zwei Jahren auch Artjom die Treue geschworen hat. Daneben gibt es noch kleinere Zusammenschlüsse und viele unabhängige Stationen, doch im Grunde hängt alles irgendwie mit diesen vier Gemeinschaften zusammen. Diese verfolgen strikt ihre Ideologien und verschmähen oder bekämpfen gar, was hier nicht hineinpasst. Näher erläutern muss man diese Problematik wahrscheinlich nicht, da heutzutage jeder weiß, was zum Beispiel Nazis tun um ihre Weltansicht durchzusetzen.
Auf der Suche nach dem unbekannten Funker geht Artjom wieder einen ähnlichen Weg wie zwei Jahre zuvor und muss so auch wieder diese vier Hoheitsgebiete durchqueren. Durch die verschiedensten Umstände wird er bereits schnell tief in Machenschaften verstrickt, die ihn immer weiter in einen Sumpf hineinziehen, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Er merkt hierbei selbst, dass sich seine Einstellung, seine eigenen Ideale stark verändert haben. Immer wieder sieht er gewisse Dinge oder erahnt sie, bei denen er früher sofort eingeschritten wäre. Heute jedoch schaut er weg und stellt sich unwissend, nur damit er seinen Weg fortsetzen kann und in keine Schwierigkeiten gerät.
Letzteres klappt natürlich nicht und so entwickelt sich Artjoms Charakter dahingehend weiter, dass er immer weiter erniedrigt und gebrochen wird, bis er sein Leben so gut wie aufgegeben hat. Aus der Asche wiedergeboren kämpft er sich dann schließlich doch wieder hoch und stellt sich seinen Träumen und Idealen und wird sich selbst wieder treu.

Während dieser Zeit deckt er Dinge auf, die unvorstellbar erscheinen. Sein Wunsch nach Kontakt mit Überlebenden von außerhalb trifft wunde Punkte und bald wird Artjom neben den ideologischen Konflikten noch mit Treue und dessen Bruch konfrontiert sowie mit Märchen, die sich als wahrer herausstellen, als ihm lieb ist.

Für mich ist Metro 2035 ein Roman mit viel Substanz, der auch nach dem Lesen viel Potenzial zum Nachdenken mit sich bringt und zur Selbstreflexion anregt. Glukhovsky schafft es hierbei die Menschen real darzustellen. Es gibt keine Beschönigungen, kein strahlender Heldentum, der angepriesen wird. Seine Charaktere begehen auch unschöne Taten. Sie haben Angst, hängen den falschen Werten an oder sind schlichtweg unfähig sich an etwas Neues heranzuwagen.
Zum Ende hin verzweifelt man fast wie Artjom an den Menschen der Metro und versteht als aufgeklärter Leser doch, warum diese so handeln, während man sich gleichzeitig an der Glut und dem Feuer in Artjom nährt, der für seinen Traum kämpft.

Das Buch hat teilweise Stellen, die sich dem Leser nicht zu 100% erschließen und es gibt Abschnitte, die rein in wörtlicher Rede geschrieben sind, was mich irritierte. Zudem hätte es dem Ganzen wahrscheinlich gut getan, wenn es ein paar Seiten weniger gehabt hätte.

Trotzdem habe ich Metro 2035 wie auch seine Vorgänger sehr gerne gelesen. Das Metro-Universum erzählt eine tolle postapokalyptische Geschichte mit sehr viel Tiefgang, aber auch spannenden Szenen und Charakteren, die sich tief in das Leserherz hineinschreiben können. Die Idee ist innovativ und gut umgesetzt und bietet im Laufe der bisherigen Trilogie für jeden Leser Anreizpunkte – sei es nun der Monsterhorror aus dem ersten Teil oder das politisch-philosophische, aber auch grausame Geschehen aus Teil 3. So wie ich es empfinde ist das Ganze immer untermalt mit der typischen Melancholie, die so viele russische Fantasy-Romane begleitet.

Sollte deine Reise weitergehen, Artjom, ich bin gerne wieder mit dabei.

“Metro 2035” von Dmitry Glukhovsky aus dem Heyne-Verlag, 784 Seiten, ISBN-13: 978-3453315556

Buch bei Amazon.de: Metro 2035: Roman (Metro-Romane, Band 3)
Kindle-Version: Metro 2035: Roman (Metro-Romane)

Vielen lieben Dank an den Heyne-Verlag für das Bereitstellen dieses Rezensionsexemplares.

Category: Buchrezension
April 18

Das letzte Wort – Alena Graedon

Klappentext:

Die nahe Zukunft: Bücher, Zeitungen und Zeitschriften sind so gut wie ausgestorben – die Smartphones, genannt Mems, übernehmen für die Menschen jegliche Form der Kommunikation. Als Synchronic Inc., ein riesiger Computerkonzern, mittels einer Wörter- App die Sprache selbst monopolisieren will, kommt es zur globalen Katastrophe: Die App setzt einen Virus frei, der den Menschen das Sprachvermögen raubt – völliges Verstummen und im schlimmsten Fall der Tod sind die Folge. Einzig ein Geheimbund aus Linguisten und Lexikografen versucht, Synchronic Inc. aufzuhalten.

Meine Meinung zum Buch:

Wie war das noch in der Zeit, in der es weder Internet noch Smartphones gab? Wissen wurde mündlich und schriftlich weitergegeben, Lexikazyklen thronten in den Wohnzimmerschränken in ihren edlen Einbänden und luden den Wissensdurst zum Nachschlagen ein. Recherche war mühselig und doch konnte man sich das Erarbeitete und Eingeprägte auf Dauer merken. Und vor dieser Zeit? Als man erst Lesen lernte und sich in Büchern vertiefte, bevor man seinen ersten Kinofilm zu Gesicht bekam? Als das schriftliche Wort noch sehr viel mehr Macht hatte und die Phantasie anregte? Wie war das früher, als man sein Gehirn noch trainierte, als Wissen nicht einfach so zur Verfügung stand?
Schaut man sich unsere heutige Zeit an, so werden unsere Gehirne von Jahr zu Jahr, ja gar von Monat zu Monat fauler. Wer kennt schon noch seine eigene Handynummer auswendig oder die der wichtigen Personen in seinem Leben? Will man etwas wissen, dann googelt man es, erfährt die Antwort auf eine flüchtige Frage in knappen Sätzen und vergisst wenig später, was man dort gesehen hat. Wir machen uns immer abhängiger von Technik und verlernen dabei, was uns eigentlich ausmacht und wozu wir eigentlich fähig sind. Wer sein Gehirn nicht trainiert, wird kein leistungsstarkes Denkorgan haben. Wenn ganze Generationen dies unterlassen, so stellt dies für unsere Zukunft eine schlechte Prognose dar.

Zeigen uns Filme wie “Idiocracy” dieses Szenario noch eher lustig auf, so beschäftigt sich “Das letzte Wort” genau mit diesem Thema, jedoch in weitaus ernsterer Art und Weise. Eine Zukunft, die unserer gar nicht so fern ist und in welcher bereits heute auftretende Probleme zugespitzt dargestellt werden. Menschen, ganze Länder, die abhängig von Geräten und Programmen sind, die ihr Leben diktieren und das Denken verlernen lassen. Letztendlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Sprache darunter nicht nur leidet (was sie heute schon tut), sondern gravierende Einbuße aufweist. Doch was sind wir ohne Sprache und Literatur, ohne Worte?

Ohne Worte sind wir Waisen der Geschichte – unsere Leben und Gedanken ausgelöscht.

(Zitat aus dem Buch, Seite 11)

Anana Johnson lebt in dieser Welt. Ihr Vater ist ein Relikt und gibt das letzte analoge Wörterbuch Amerikas heraus, legt Wert auf Schrift und Sprache und weigert sich vehement ein Mem zu nutzen. Mems sind Weiterentwicklungen unserer heutigen Smartphones, die ihrem Besitzer das Leben ungemein erleichtern und eine Symbiose mit ihrem Wirt eingehen. Das Mem überwacht und regelt und kümmert sich um Probleme und Gelüste, bevor man diese selbst wahrgenommen hat. Kurz vor der Veröffentlichung der dritten Ausgabe des Wörterbuchs verschwindet Anas Vater spurlos und fast zeitgleich beginnen die Menschen ihre eh schon nur noch simple Sprache zu verlieren und in einem unverständlichen Kauderwelsch zu brabbeln. Ein Virus greift um sich und die Tochter des Herausgebers sieht sich auf der Suche nach ihrem Vater schnell in Machenschaften verwickelt, die den Untergang der Zivilisation bedeuten könnten.

“Das letzte Wort” ist zuallererst wunderschön geschrieben. Als Buchliebhaber ziehen bereits die ersten Seiten ein magisches Augenmerk auf die verwendete Sprache, die vielfältig dargestellt ist und den eigenen Wortschatz anzureichern vermag. Dies wird immer wieder mit Gedankengängen gewürzt, die anschaulich und treffend sind und unserer heutigen Zivilisation mehr als nur ein Problem vor Augen führt. Wer sich an wortgewaltiger Sprache, unterschiedlichen Erzählstilen und philosophischen Anmerkungen erfreuen kann, ist mit diesem Buch in seiner dystopischen Zukunftsversion mehr als gut beraten.

Leider mangelt es diesem doch auch recht umfangreichen Buch jedoch auch an etwas. Die Autorin verliert sich zuweilen in ihrer Sprache und dem Philosophieren und vergisst darüber hinaus Spannung zu erzeugen. Zudem wird gerade die Protagonistin doch sehr naiv und abhängig von den Männern in ihrem Leben dargestellt, was sie jedoch gar nicht nötig hätte. Generell bröckelt der Charakterausbau etwas bis teilweise sehr, so dass der Realismus der Geschichte alleine durch den mahnenden Fingerzeit auf unser selbstverständliches Nutzen der Technik und dem selbstverständlichen Unnutzen unserer hauseigenen Fähigkeiten erzeugt und nicht durch seine Charaktere gestützt wird. Dies fand ich äußerst schade, da die Grundidee mehr als erschreckend und gut ist und spannender umgesetzt ein wirklich gutes Buch ausgemacht hätte.

“Das letzte Wort” von Alena Graedon ist daher meiner Meinung nach durchaus interessant und empfehlenswert für Leser, die sich an Sprache ergötzen können und sich schon heute fremd in der Gesellschaft fühlen, weil diese immer niveauloser und seichter zu werden scheint. Wer keinen Spannungsroman sucht, sondern ein aufmerksam zu lesendes Buch mit wunderschönen Sätzen, einem Science-Ficiton-Anteil, dessen Fiktion fast schon Realität geworden ist, der ist hier goldrichtig.

“Das letzte Wort” von Alena Graedon aus dem Heyne-Verlag, 576 Seiten, ISBN-13: 978-3453315587

Buch bei amazon.de: Das letzte Wort: Roman – diezukunft.de-Edition
Kindle-Version: Das letzte Wort: Roman – diezukunft.de-Edition

Vielen lieben Dank an den Heyne-Verlag für das Bereitstellen dieses Rezensionsexemplares.

Category: Buchrezension
April 15

Wytches – Scott Snyder

Klappentext:

Sailor Rook ist kein Kind mehr, doch ihre Teenager-Zeit wird sich noch ein paar Jahre hinziehen. Und sie hat nicht gut begonnen. An ihrer alten Schule wurde sie grundlos, aber umso gnadenloser gemobbt. Eines Tages jedoch ist das Mädchen, das dafür verantwortlich war, plötzlich verschwunden. Und nun wird Sailor unterstellt, sie hätte damit etwas zu tun. Schließlich sehen ihre Eltern keinen anderen Ausweg mehr, als in einen anderen Ort irgendwo in New Hampshire zu ziehen, um ihrer traumatisierten Tochter einen Neustart zu ermöglichen. Doch nicht nur die üble Nachrede ist ihnen bis hierhin gefolgt. In den dunklen, dichten Wäldern Neuenglands lauert noch etwas Anderes, Uraltes auf Sailor…
In Scott Snyders (u. a. »American Vampire«, »Batman«, »The Wake«) jüngstem Horror-Epos geht es nicht bloß ums Gruseln an sich, das Grauen reicht viel tiefer. Eine Geschichte von den Ängsten, Schuldgefühlen und Depressionen Heranwachsender, aber auch ihrer Eltern. Von Verzweiflung und der Entschlossenheit, gegen die aufkommende Panik anzukämpfen. Jock a. k. a. Mark Simpson (u. a. »Batman«, »The Losers«; Zeichnungen) und Matt Hollingsworth (»Preacher«, »Hawkeye« etc.; Farben) sorgen für eine entsprechend beklemmende, verstörende Atmosphäre – eine Story, die definitiv unter die Haut geht.
Die Verfilmung durch Brad Pitts Produktionsfirma Plan B Entertainment ist in Vorbereitung.

Meine Meinung zur Graphic Novel:

Die Zustände, die der Klappentext verspricht, sind zu Beginn der Lektüre bereits eingetreten. Durch Rückblenden erfährt der Leser und Betrachter dieses Werks, wie es zur aktuellen Situation gekommen ist und was genau die Familie in ihre Krise gestürzt hat. Sie hat nicht nur mit den Gerüchten um die Tochter Sailor zu kämpfen, sondern auch mit Unfallfolgen, die die Mutter an den Rollstuhl gefesselt haben. Papa Rock sah daher keinen anderen Ausweg, als irgendwo anders einen Neuanfang zu wagen. Ziemlich schnell ist jedoch klar, dass die Vergangenheit nicht ruht und zudem etwas Anderes, Unheimliches hinter Sailor her ist.

Die Geschichte selbst wird sehr menschlich und intensiv erzählt. Ziemlich schnell kann man sich mit den Charakteren verbunden fühlen und deren Handlungsweisen nachvollziehen. Daher treffen so einige Dinge, die im Lauf der Story passieren, den Leser sehr direkt und schockierend. Die Rückblenden sind nicht störend, sehr ehrlich und runden das Gesamtbild ab, so dass ich hier nichts auszusetzen hatte.
Neben dem Horror, den die Wytches-Wesen verbreiten liegt das wahre Schlimme dieser Geschichte in den Wünschen und narzistischen Verhaltensweisen, in Sehnsüchten und den Taten, die diese befriedigen sollen. Es ist wirklich teilweise sehr hart, was manche Charaktere tun und was sie bereit sind zu opfern. Zum Ende hin sind mir daher auch etwas feuchte Augen gekommen, auch wenn die Entwicklung nicht unvorhersehbar war.

Der Zeichenstil lag mir, war recht realistisch und doch rebellisch. Etwas störend empfand ich das teilweise “verkleckste” Bild, das bestimmt ein graphisches Stilmittel darstellt, jedoch kenne ich mich hierfür zu wenig in diesem Bereich aus, als dass ich dies bewerten könnte. Mich persönlich hat dies eben teilweise gestört, was der Geschichte aber keinen Abbruch tat.

Im Fazit kann ich diese Graphic Novel, die von mir auf Englisch gelesen wurde, die nächsten Monat jedoch auch auf Deutsch erscheinen wird, jedem Horrorfan der alten Schule empfehlen, der Wert auf Geschichte mit Hintergrund, aber auch auf gepflegten Grusel steht und der von Charakteren schockiert werden möchte. Da dieser Band mit “Volume 1” betitelt wurde, hoffe ich sehr auf weitere Bände, die ich mir dann definitiv auch genehmigen werde. Für mich ein wirklicher Lesegenuss, ich bin begeistert!

“Wytches” von Scott Snyder aus dem Image Comics Verlag, 144 Seiten, ISBN-13: 978-1632153807
Im Deutschen erscheint dieser Band im Splitter-Verlag, 192 Seiten, ISBN-13: 978-3958392915

Buch auf amazon.de
(englisch): Wytches Volume 1 (Wytches Tp)
(deutsch): Wytches: Band 1.

Category: Buchrezension
März 11

Basar der bösen Träume – Stephen King

Klappentext:

Hier werden Albträume wahr

Abermals legt Stephen King, u. a. Träger des renommierten »O.-Henry-Preises«, eine umfassende und vielseitige Kurzgeschichtensammlung vor. Von den insgesamt 20 Storys wurden bislang erst drei auf Deutsch veröffentlicht. Die Originale erschienen teilweise in Zeitschriften; andere sind bislang gänzlich unveröffentlicht.

Nicht immer blanker Horror, aber immer psychologisch packend und manchmal schlicht schmerzhaft wie ein Schlag in die Magengrube – Geschichten, die uns einladen, Stephen Kings Meisterschaft im Erzählen aufs Neue beizuwohnen, oder, wie er selbst in seinem Basar der bösen Träume ausruft: »Hereinspaziert, ich habe die Geschichten eigens für Sie geschrieben. Aber seien Sie vorsichtig. Bestenfalls sind sie bissig und schnappen zu.«

Meine Meinung zum Buch:

Kurzgeschichtensammlungen sind im Ganzen immer schwer zu bewerten. Kurzgeschichten dienen Autoren oft dazu aus ihrem gewohnten Genre auszubrechen und sich in unsichere Gefilde zu begeben, sich auszuprobieren, sich neu zu entdecken. Auch Stephen King tanzt hier nicht aus der Reihe. Entwickelt er sich in seinen Romanen weg vom Horroraltmeister hin zum Erzähler menschlicher Geschichten, denen oft dennoch ein übernatürlicher Anteil beiwohnt, so probiert er sich in seinen Kurzgeschichten noch mehr aus. So kommt es vor, dass man auf wahre Perlen trifft, aber man bekommt als geneigter Leser auch Storys serviert, die einem eher nicht liegen. Dies gilt für alle Kurzgeschichtensammlungen von King und somit auch für den Basar der bösen Träume. King selbst beschreibt seine Romane als Beziehungen, seine Kurzgeschichten als flüchtigen Kuss eines Fremden in der Dunkelheit. Wir wissen wohl alle, das Küsse von einem Fremden atemberaubend, aber auch unangenehm sein können.

Der Basar der bösen Träume zeigt 20 Kurzgeschichten auf, die sich weniger mit dem klassischen Kingschen Horror beschäftigen, als viel öfter mit Themen, die King in seiner momentanen Lebenssituation heraus wohl sehr beschäftigen. Es gibt Kurzgeschichten, die sehr fies, sehr eklig, sehr unheimlich sind, doch der wahre Grusel liegt bei den Ängsten vor dem Altwerden, bei der Angst vor Verlust und vor dem, was nach dem Tod kommt (oder auch nicht). Diese Situationen beherrschen diese Sammlung und sind teilweise sehr melancholisch geprägt.

Mittlerweile gibt es viele Romane und Kurzgeschichten mit den unterschiedlichsten Themen von King. Vielleicht liegt es daran, dass ich das Allermeiste davon kenne, jedoch kamen mir manche Themen aus diesem Band bekannt vor, ich möchte nicht sagen aufgewärmt. Bestimmt bei einem Drittel der 20 Geschichten musste ich stark an andere Werke von King denken und dies nicht wegen der geliebten Anspielungen und Verbindungen innerhalb aller Kingschen Geschichten, sondern da das Thema ähnlich war.

Keine Frage, Stephen King ist ein Meister seines Fachs. Wenn man liest, wird man bestimmt schon einmal einen Roman von ihm gelesen haben und wenn man mit der teilweise ausschweifenden Beschreibung und Charaktervertiefung klar kommt, dann baut jeder Roman und jede Geschichte von ihm einen unheimlichen Sog auf. Man liest diese Geschichte nicht, man bekommt sie von King persönlich erzählt. Es ist fast so, als ob man mit ihm zusammen in seiner Bibliothek sitzt und ihm wie ein kleines Kind lauscht und mit großen Augen folgt. Oder vielleicht doch eher draußen am Lagerfeuer, im Dunkeln und die Schatten darin tanzen um einen herum. Dieses Talent habe ich bisher nur bei sehr wenigen anderen Autoren feststellen können.
Dies gilt jedoch für seine Romane und Geschichten. Im Basar sind auch zwei Gedichte vorhanden und wie auch in anderen Kurzgeschichtensammlungen mochte ich diese wieder gar nicht. Vielleicht liegt dies daran, dass die Poesie durch die Übersetzung sehr leidet, vielleicht kann er dies auch nur einfach nicht. Mir liegt es auf jeden Fall gar nicht.

Abschließend sei gesagt, dass Basar der bösen Träume für mich nicht die beste Kurzgeschichtensammlung von King ist, dennoch aber lesenswert für alle, die sich gerne mit gut erzählten Geschichten berieseln lassen möchten und zwischendurch gerne ein bisschen Grusel und Horror mögen.

4stars

“Basar der bösen Träume” von Stephen King aus dem Heyne Verlag, 768 Seiten, ISBN-13: 978-3453270237

Buch bei Amazon.de: Basar der bösen Träume
Kindle-Version: Basar der bösen Träume
Verlagsseite des Buches: KLICK

Category: Buchrezension
März 6

Drive-in (Trilogie) – Joe R. Lansdale

Klappentext:

Stellt euch ein Autokino vor, das groß genug ist, viertausend Autos zu fassen. Dann habt ihr eine Idee vom Orbit, dem größten Drive-in von Texas. Jeden Freitag gibt es dort die All-Night-Horror-Show. Genau hier sind wir jetzt, alles ist perfekt. Aber plötzlich taucht aus dem Nichts dieser blutrote Komet auf. Schlagartig ist das Orbit von der Außenwelt isoliert, eingeschlossen von einer tödlichen Leere. Es gibt kein Entrinnen. Die Nahrungsmittel werden knapp. Erste Fälle von Totschlag und Kannibalismus treten auf. Doch das Schlimmste steht uns erst bevor …

Meine Meinung zum Buch:

Joe R. Lansdale beweist mit dieser Trilogie, dass er aus einer normalen Situation eine bizarre Fiktion erschaffen kann. Ein Autokinobesuch entwickelt sich zu einem mehr als skurrilen Weltuntergangsszenario, hinter dem am Ende doch etwas ganz anderes steckt. Gerade dieses Ende der Trilogie ist sehr beeindruckend, man sieht es eine sehr lange Zeit absolut nicht kommen. Fast würde es sich lohnen die Trilogie hier noch einmal von vorne zu beginnen, ähnlich wie man bei Filmen wie The Sixth Sense diese auch nochmals schauen musste, um die Anspielungen zu sehen und zu verstehen.

Warum ich die Trilogie, die hier in einem Band zusammengefasst wurde, jedoch nicht noch einmal lesen werde ist auch erklärbar. Sieht man die Trilogie als Ganzes, so sind über 700 Seiten zu lesen, die zwar durchweg verrückt sind, jedoch für meinen Geschmack einen leitenden roten Faden vermissen ließen. Es passieren einige absurde Dinge, der Phantasie ist absolut freien Lauf gelassen worden. Immer wieder begegnet dem Leser auch rohe Gewalt und Sex in gewollter und ungewollter Form. Zudem stellen viele Monster und Verhaltensweisen eine sehr gute Kritik auf unsere heutige Gesellschaft und ihren Konsum jedweder Art dar. Diese Dinge reihen sich jedoch aneinander und erschufen bei mir keinen Spannungsbogen, kein Mitfiebern, keine sich wirklich entwickelnde Geschichte. Auch das kann man als Gesellschaftskritik ansehen, jedoch hemmte dies meinen Lesefluss immer wieder. Es verhielt sich ähnlich mit bei de Sades Sadismus-Aneinanderreihungen in diversen Werken, die zu Beginn verstören und schockieren konnten, mich als Leser jedoch schnell abstumpfen und langweilen ließen.

Weiterhin störte mich, dass die drei Teile des Buches immer ein wenig fremd voneinander wirkten. Zwischen den einzelnen Geschichten gibt es teilweise Zeitsprünge und nach diesen handeln Charaktere auf einmal gänzlich anders und dies unerklärt. Zudem wird ein Charakter von einem Teil zum anderen auf einmal unerklärt weggelassen. Ein weiterer Faktor, weshalb mir eine Identifikation mit der Geschichte, ein Abtauchen in diese schwer vielen.

Lansdale zeigt in “Drive-in” definitiv einen guten und genauen Blick auf die Probleme der Gesellschaft und weiß diese zuzuspitzen. Sein Schreibstil ist flüssig und gut verständlich. Wenn die vorherig genannten Kritikpunkte meinerseits nicht wären, wäre ich ziemlich begeistert gewesen von diesem Buch. So muss ich in diesem Fall leider Punkte abziehen, habe dennoch Lust auch weiterhin nach diesem Autor Ausschau zu halten, der bereits einige Werke veröffentlicht hat. Es beruhigt mich etwas, das Lansdale selbst in persönlichen Worten sagt, dass er diese Geschichte eigentlich nicht so sehr mag. Ich hoffe daher, dass mein nächstes Lansdale-Buch eines sein wird, das ihm selbst auch sehr zusagt und ich so das Talent dieses Mannes zu lesen bekomme. Tolle Ideen hat er definitiv.

3stars

“Drine-in” von Joe R. Lansdale aus dem Heyne Hardcore-Verlag, 736 Seiten, ISBN-13: 978-3453676725

Buch bei Amazon.de: Drive-In: Die Trilogie erstmals in einem Band
Kindle-Version: Drive-In: Die Trilogie erstmals in einem Band
Verlagsseite des Buches: KLICK

Vielen lieben Dank an den Heyne Hardcore Verlag für das Bereitstellen dieses Rezensionsexemplares.

Category: Buchrezension