August 13

Die Brücke – Monica Byrne

Klappentext:

Eine bessere Zukunft?

Wir schreiben das Jahr 2068: Die Vereinigten Staaten und Europa sind in die Bedeutungslosigkeit gefallen, Indien und Äthiopien dagegen die stärksten Wirtschaftsmächte der Welt, deren Mega-Cities ständig mit Energie versorgt werden müssen. Zu diesem Zweck wurde der TRAIL erfunden – eine gigantische schwimmende Pontonbrücke, die über das Arabische Meer verläuft, Indien mit Äthiopien verbindet und Sonnenlicht in Strom umwandelt. Doch der TRAIL ist auch die letzte Hoffnung für die, die in den pulsierenden Riesenstädten Indiens keinen Platz mehr finden: Sie wandern über den TRAIL nach Afrika – für sie ist er die Brücke in eine bessere Zukunft. So wie für Meena und Mariama, die einander nicht kennen, aber deren Schicksal auf vielfache Weise miteinander verknüpft ist …

Meine Meinung zum Buch:

Ich finde, dass das Buch falsch beworben wird. Nach dem Klappentext zu urteilen habe ich mir einen spannenden SciFi-Roman erhofft, der sich mit Themen wie sozialer Ausgrenzung, dem Untergang Europas und der USA und dem Boom Asiens und Afrikas sowie einer Energiewende befasst. Zwei verzweifelte Frauen, die aus einem Moloch entfliehen und den Trail dafür nutzen. Das Buch spricht zwar fast all diese Themen an, aber auf gänzlich andere Art und Weise wie ich gedacht habe.

Abwechselnd werden die Handlungsstränge von Meena und Mariama erählt.

Meena lebt in Indien in einer Zukunft, die viele Parallelen zur heutigen Zeit hat, die aber weitergedacht wurden. Themen wie Überbevölkerung, soziale Netzwerke, Energiekrisen und -wenden und Kulturenvermischung spielen eine große Rolle. Zu Beginn des Buches flieht Meena, man weiß als Leser aber noch nicht wovor. Generell bleiben die Gründe für Meenas Flucht sehr lange nebulös und regen zum Interpretieren an. Meena beschreibt sich selbst als manisch und hat gewisse Begegnungen, die halluzinogen wirken. All dies treibt sie schließlich auf den Trail, einer Pontonbrücke zwischen Indien und Afrika, die der Energieerzeugung dient. Mit einem Survivalkit ausgestattet begibt sie sich alleine auf die abenteuerliche Reise über diesen schmalen, schwankenden Steg auf das offene Meer hinaus Richtung Afrika. Ganz getreu nach dem Motto “Der Weg ist das Ziel” erschließt sich auch dem Leser erst nach und nach, warum sie dies tut.

Mariama ist im Gegensatz zu Meena zu Beginn der Geschichte noch ein junges Mädchen, das in Sklaverei lebt und eines Tages flieht. Quer durch Afrika reist sie zusammen mit einer kleinen Gruppe Händler Richtung Äthiopien, wo sie sich ein neues, ein besseres Leben verspricht. Auf dieser Reise begegnet sie Yemaja, einer jungen Frau, die sie stark beeindruckt.

Im Grunde geht es in “Die Brücke” um zwei metaphorisch und teils sehr nebulös erzählte Lebensgeschichten, der zukünftige Handlungsort und die damit verbundenen Neuheiten und Änderungen sind nebensächlich. Beide Perspektiven werden aus der Ich-Sicht geschildert, wobei Mariama hier noch eine Besonderheit aufweist, da sie ihren Bericht zusätzlich an Yemaja richtet, ihr diesen erzählt.

Mir persönlich hat der Teil Mariamas besser gefallen, da ich mit Meena nie wirklich warm wurde, wenn es auch Parallelen zwischen beiden Charakteren gab. Mariamas kindliche Sicht auf die Dinge und ihr Entdecken der auch für mich neuen Welt haben mir selbiges einfacher und verständlicher gemacht, zudem spricht ihre Ausgangssituation als Sklavenkind meinen Gerechtigkeitssinn sehr an und hat mich gleich Partei ergreifen lassen.
Meena hingegen ist wohlhabend, sehr körperlich und sexuell, zudem wirkte sie auf mich auch sehr naiv und eindimensional. Mit ihrem Charakter wurde ich einfach nie wirklich warm.

Wer sich an dieses Debüt der Autorin Byrne wagt muss mit metaphorischer Beschreibung auskommen können. Oft runzelt man unverständlich die Stirn, weil geschilderte Bilder surreal wirken. Zum Ende hin löst sich zwar alles auf und angewandte Metaphern ergeben einen Sinn, jedoch gehört bis dahin eine gehörige Portion Durchhalten im jedenfalls für mich doch recht undurchsichtigen Nebel dazu.

Die Autorin bekommt aber scheinbar nebenher eine Sache grandios hin: Sie schildert sie Zustände im fortschrittlichen, beherrschenden Indien und dem rebellierenden Afrika. Rebellion, Terrorismus, Sklaverei, Kastenzugehörigkeit, Energiewenden und -ausbeutungen und der Bruch mit all dem fließen auf den ersten Blick nur im Hintergrundrauschen dahin und lassen einen denkenden Leser trotzdem nicht mehr los. So viel von dem, was sie schildert, ist auch heute schon in anderen Konstellationen zu sehen und zeigt auf, wohin unser Verhalten uns führen könnte. Gerade auch aus aktuellem Anlass zum Thema Flüchtlinge passt dieses Buch sehr gut.

Monica Byrne hat ihren Roman meist in recht kurzen, knappen Sätzen verfasst, so das selten eine Wortgewalt entsteht. Der Sprachstil ist daher leicht verständlich, aber eben auch einfach. Etwas störend beim Lesen empfand ich, dass die Autorin die zukünftige Technik, welche die Protagonisten nutzen, wenig erklärt. Zwar ergibt sich alles Nötige aus dem Zusammenhang und gibt diesem Bericht zweier Leben so Authentizität, jedoch fiel es mir gerade zu Beginn schwer alles einzuordnen und zu verstehen.

Leider hat mir die große Wendung zum Ende hin nur mäßig gefallen. Eine Triebfeder der Spannung beim Lesen war für mich das Rätseln, wie die beiden Handlungsstränge denn nun zusammenkommen oder -gehören. Die schlussendliche Auflösung war für mich eher ernüchternd und nicht ganz nachvollziehbar.

Ich kann dieses Buch nur schwer bewerten. Einerseits hat es eines ganz groß gemacht: Es hat mich zum Nachdenken angeregt, zum Hinterfragen, zum Interpretieren, es hat mich schlichtweg nicht mehr los gelassen. Andererseits wurde ich mit den Protagonisten nicht warm, habe mir eine wesentlich spannendere Story erwartet und bekam den von mir nicht favorisierten Erzähler aus der Ich-Perspektive serviert. Wie soll man also ein Buch bewerten, dass einen einerseits etwas enttäuscht hat, einen andererseits aber auch über die bedruckten Seiten hinaus nicht losgelassen hat?

Für Leser, die an einer Lebensgeschichte zweier Frauen aus der Zukunft interessiert sind, die Persönlichkeitsfindung und Vergangenheitsbewältigung in einer futuristischen Szenerie suchen, ist dieses Buch definitiv eine Leseempfehlung. Im Zweifelsfall sollte man sich eine Leseprobe gönnen, damit man weiß, in welchen Nebel man sich begeben wird, da dieser sich erst sehr spät lichtet.

3stars

“Die Brücke” von Monica Byrne aus dem Heyne-Verlag, 448 Seiten, ISBN-13: 978-3453417847

Buch bei Amazon.de: Die Brücke: Roman
Kindle-Version: Die Brücke: Roman
Verlagsseite: KLICK

Vielen lieben Dank an den Heyne Verlag für das Bereitstellen dieses Rezensionsexemplars.


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Posted 13. August 2015 by Chrissie in category Buchrezension

11 thoughts on “Die Brücke – Monica Byrne

  1. Sandra

    Liebe Chrissie!

    Ich habe dieses Buch vor ca. einer Woche fertig gelesen und kann Deine Rezension nur so unterschreiben.

    Die Geschichte hat mich zwar schon gefesselt, ich wollte wissen, wie die Geschichte ausgeht, hab mich aber ab und an auch überwinden müssen, das Buch wieder in die Hand zu nehmen.
    Grad in der Mitte hatte die Geschichte doch einige Hänger.

    Was mir allerdings nicht aus dem Kopf geht, ist das Ende. Irgendwie hab ich das nicht so verstanden. Wer war die Person, bei der Meena angekommen war an der Haustür?
    Doch doch, ich hab das Buch aufmerksam gelesen, aber diese metaphorische Schreibweise ist vielleicht doch nix für mich.

    Und ja, Heyne hätte das Buch anders bewerben sollen, dachte auch, da ist feinste Sci-Fi drin.

    Lieben Gruß,
    Sandra

    Reply
    1. Chrissie (Post author)

      Hallo Sandra,

      ehrlich gesagt hab ich das auch nicht so ganz verstanden. Also wer das an der Haustür war. 🙂

      Liebe Grüße
      Chrissie

      Reply
      1. Sandra

        Liebe Chrissie!

        Ich bin’s nochmal. Mir ist gestern abend beim Lesen doch noch ein Gedanke gekommen, wer das an der Haustür am Ende des Buches gewesen sein könnte.

        Ich lese gerade von Graham Masterton “Grauer Teufel”, und auf den letzten 70 Seiten taucht da auch eine Yemaya auf – die Göttin der Meere und Monde, allerdings in einem ganz anderen Kontext als in “Die Brücke”.

        Jedenfalls gibt es in Mariamas Geschichte ja auch eine Yemaya, die Mariama bis zur Ankunft in Äthiopien begleitet und dann spurlos verschwindet – wenn ich das richtig verstanden habe. Diese Yemaya war in dieser Geschichte ja auch noch relativ jung.

        Jedenfalls vermute ich, daß Meena am Ende des Buches auf Yemaya gestoßen ist, daß sie diejenige ist, die ihr die Tür geöffnet hat, warum auch immer.

        Was meinst Du dazu?

        Lieben Gruß,
        Sandra

        Reply
        1. Chrissie (Post author)

          Hallo Sandra,

          das wäre gut möglich, bleibt aber spekulativ, da es ja nicht definitiv zu beweisen ist. Aber ein sehr interessanter Gedankengang. Es ist schon Wahnsinn, wie sehr einen dieses Buch beschäftigt.

          Viele Grüße
          Chrissie

          Reply

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