November 21

Der Sommer, als ich starb – Ryan C. Thomas

Klappentext:

Als Roger Huntington für den Sommer vom College nach Hause kommt und seinen besten Freund Tooth trifft, weiß er, dass sie jede Menge Spaß haben werden. Bier, Comics, Filme, vielleicht sogar Mädchen. An einem prächtigen Sommermorgen brechen sie zum Bobcan Mountain auf, um auf Bierdosen zu schießen. Nur zwei Freunde, die zusammen Zeit verbringen und über ihre Zukunft reden … zwei Freunde, die urplötzlich in einen Albtraum gestürzt werden.
In den Klauen eines sadistischen Killers und seines hungrigen Hunds müssen sie die Frage beantworten: Werden Helden geboren oder erschaffen?
Und wichtiger noch: Wie überlebt man, wenn alle Wege in den Tod führen?

Meine Meinung:

Ryan C. Thomas Horrornovellendebüt beginnt harmlos und seicht. Roger und Tooth sind schon lange Freunde. Ihre Charaktere unterscheiden sich grundsätzlich, so dass sie sich gut ergänzen und ein Team bilden. Roger ist nun jedoch auf dem College und beide Freunde merken, dass sich ihre Leben zukünftig verändern werden. Dieser Sommer könnte der letzte sein, den sie in gewohnter Manier verbringen und beide spüren dies.

Thomas nutzt diese Einleitung um seine Charaktere auszubauen, ihnen ein Leben davor und Hoffnungen für danach zu geben. Durch die Verschiedenheit dieser beiden Personen erschafft er beim Leser eine Zugehörigkeit, denn irgendwo kann man sich selbst wiederentdecken. Sobald dies geschehen ist, sobald man milde lächelnd an seine eigene Jugendzeit zurückdenkt und in ihr schwelgt, bricht der Autor mit diesem Schema und lässt die Geschichte zusammen mit den eigenen Erinnerungen in den dunklen Abgrund einer Hütte im Wald fallen.

Roger und Tooth befinden sich im Wald und schießen auf Bierdosen, als sie den schrecklichen Schrei einer Frau vernehmen. Sie sind hin- und hergerissen. Der Schrei war unmissverständlich. Die Frau, die ihn ausgestoßen hat, hat Angst, Todesangst. Sie hat Schmerzen und sucht Hilfe. Zum Leidwesen der beiden Freunde entscheiden sich beide tatsächlich dazu, der Frau zu helfen, auch wenn sie sich selbst fürchten vor dem Grund, der diesen Schrei ausgelöst hat.

Kurz darauf befinden sie sich in Gefangenschaft und sehen ihrem nahen, schmerzhaften Tod entgegen. Ihr Peiniger lässt ihnen keine Hoffnung und schon bald füllt sich der Hundenapf mit den Produkten aus Folter, Verstümmelung und Mord.

Dieser Sommer wird aus der Sicht von Roger geschildert. Dieser Sommer ist der, in dem er starb.

Den vorherigen Satz darf man nun nicht als Spoiler auffassen, da dass Buch selbst mit einer ähnlichen Aussage beginnt. “Der Sommer, als ich starb” stürzt den Leser zusammen mit zwei Charakteren, die gut geschildert, aber ehrlicherweise auch nicht wirklich besonders sind, in die dunklen Abgründe eines Soziopathen und dessen Vorstellung von Gerechtigkeit. Roger muss mit ansehen, wie sein bester Freund und die unbekannte Frau gefoltert werden und wird auch selbst Bestandteil dieser Gewaltorgie. Es scheint keinen Ausweg aus dieser Hölle zu geben und als der Mann schließlich noch eine vierte Person einführt schwindet jegliche Hoffnung.

Thomas hat hier ein wirklich gutes Horrorbuch geschrieben, dass definitiv in die Schublade Splatter und Gore einzuordnen ist. Trotzdem vergisst er inmitten all dieser Gewalt seine Charaktere nicht. Es gibt teilweise etwas unlogische Momente und manche Entwicklungen haben mir persönlich nicht wirklich gefallen, jedoch ist das Ganze dennoch rund und schmackhaft für jemanden, der ab und an gerne mal in diese Abgründe der Menschheit blickt und mit dem Lesen der letzten Seite froh ist, dies nie selbst erleben zu müssen.

Der Schluss dieser Horrornovelle hat mir ausgesprochen gut gefallen. Realistisch und wie ich finde innovativ löst der Autor seine Geschichte auf und lässt den Leser mit den geschilderten Eindrücken zurück, die dann erstmal verarbeitet werden müssen. Generell ist das große Plus dieser Geschichte, dass hier kaum übertrieben wird. So ungern man dies denken möchte: Genau das könnte in diesem Moment wirklich irgendwo passieren. Man stehe den armen Seelen bei, die dort involviert sind.

4stars

“Der Sommer, als ich starb” von Ryan C. Thomas aus dem mkrug-Verlag, 188 Seiten, ISBN-13: 978-3902607898

Buch bei Amazon.de: Der Sommer, als ich starb
Kindle-Version: Der Sommer, als ich starb
Verlagsseite des Buches: KLICK

November 9

Horrorstör – Grady Hendrix

Klappentext:

Im stilechten Look eines Möbelkatalogs führt Horrorstör in die Untiefen eines ganz besonderen Spukhauses: des Möbelladens ORSK in Cleveland, wo die Angestellten Morgen für Morgen auf zerstörte Ware und Schmierereien an den Wänden treffen. In Ermangelung brauchbaren Materials von den Überwachungskameras werden drei Mitarbeiter dazu verdonnert, eine Nacht im ORSK-Store zu verbringen. Während sie einsam ihre Runden drehen, entwickelt der Laden mehr und mehr ein Eigenleben …

Meine Meinung:

Ob man nun selbst zu den begeisterten IKEA-Kunden gehört oder sich nicht-schwedisch einrichten mag: Jeder wird einmal einen entsprechenden Katalog ins Haus geflattert bekommen haben. Beim flüchtigen Abscannen der Regale im Buchhandel des eigenen Vertrauens mag man sich daher fragen, warum eben jener Katalog dort ausgelegt wurde und wer sich diesen Scherz erlaubt hat. Interessiert oder nicht, einen Blick darauf wird man werfen und dann ziemlich schnell feststellen, dass dieses ORSK-Buch zwar Parallelen zum Möbelriesen aus Skandinavien aufweist und doch einen gravierenden Unterschied mit sich bringt. Denn ORSK hat ein Problem und es wird sich herausstellen, dass dieses Problem nicht mit den gängigen Methoden zum Umgang mit einem Störfaktor aus dem ORSK-Handbuch für Führungskräfte zu bewältigen ist. Des nachts bevölkert eine Kundenklientel die Möbelausstellung, die den Geschäfts- und Firmenrichtlinien nicht die geringste Beachtung schenkt und ihre ganz eigenen Ziele verfolgt. Es ist daher fraglich, ob alle Mitarbeiter der heutigen Nachtschicht das Tageslicht wieder erblicken werden.

Grady Hendrix weiß von diesen Ereignissen zu berichten und wirft einen humorvollen Blick auf die Mitarbeiter einer ganz bestimmten ORSK-Filiale in Cleveland, Ohio und ihre Einstellung zum Arbeitgeber und untereinander. Den nächtlichen Verwüstungen der Möbelausstellung und dem damit verbundenen Profitverlust will man mit einer eigens einbestellten Nachtschicht auf den Grund gehen, zu der auch die Verkäuferin Amy gehört, aus deren Sicht diese Geschehnisse geschildert werden.
Amüsiert man sich zunächst über die Charaktere und deren Taten, so ändert sich dies spätestens, als die Nacht gänzlich hereingebrochen ist und das Grauen Einzug hält.

“Horrorstör” ist eine Spukhausgeschichte der etwas anderen Art. Klassische Elemente dieses Genres wurden hier mit schwarzem Humor und einem deutlichen Augenzwinkern gemischt und in einem wirklich originellen Layout präsentiert, welches alleine schon fast den Kauf dieses Buches rechtfertigt.
Vom Schreibstil her erwartet den geneigten Leser hier nun kein Meisterwerk, dennoch wird die zu erzählende Geschichte flüssig und ohne Stolpersteine geschildert und lässt sich demnach gut und schnell weglesen. Auch erfindet Hendrix dieses Genre nicht neu, er verlegt lediglich den Schauplatz an einen doch ungewöhnlichen Ort und würzt das Ganze gehörig mit einer IKEA-Parodie.

Wer eine gute, solide Haunted-Haus-Geschichte lesen mag, die in einem skurrilen Setting gesetzt ist und anfänglich saukomisch, später jedoch toternst erscheint, der ist mit diesem Buch definitiv gut beraten. Wer zudem noch nach äußerst originellen Buchlayouts sucht, der trifft hier wahrlich ins Schwarze.

“Horrorstör” von Grady Hendrix aus dem Knaur-Verlag, 276 Seiten, ISBN-13: 978-3426517222

4stars

Buch bei Amazon.de: Horrorstör: Thriller
Kindle-Version: Horrorstör: Thriller
Verlagsseite des Buches: KLICK

Vielen lieben Dank an den Knaur-Verlag für das Bereitstellen dieses Rezensionsexemplares.

Oktober 1

Verschwörung (Millennium #4) – David Lagercrantz (nach Stieg Larsson)

Klappentext:

Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist haben Millionen Leser begeistert. Weltweit erstürmte die Millennium-Trilogie die Bestsellerlisten und sprengte mit mehr als 80 Millionen verkauften Exemplaren alle Dimensionen. Ein Welterfolg, der seinesgleichen sucht. Nun geht die Geschichte weiter.

Meine Meinung zum Buch:

Kaum ein Buch ist dieses Jahr mehr in aller Munde als die Fortsetzung der von Stieg Larsson verfassten Millennium-Trilogie rund um die Protagonisten Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander. David Lagercrantz wurde von der Erbengemeinschaft Larsson auserkoren die Geschichte weiter zu erzählen, was umstritten aufgenommen wurde.

Zu Beginn des Buches haben sich Blomkvist und Salander schon eine geraume Zeit nicht mehr gesehen und kontaktiert. Die Zeitschrift Millennium musste aus wirtschaftlichen Gründen eine Teilhabe eingehen, die sie immer mehr beeinflussen möchte und Mikael wird in den Medien als verbraucht und längst über seinen Zenit hinaus verrissen. Er fragt sich tatsächlich, ob es nicht an der Zeit wäre die Zelte abzubauen und weiterzuziehen.

Genau in diese Tage hinein fällt der skrupellose Anschlag auf einen der klügsten Köpfe Schwedens. Frans Balder ist wie kein anderer als Koryphäe im Bereich der KI-Technologie, also der künstlichen Intelligenz, bekannt. Zufällig ist Mikael genau zur Tatzeit vor Ort und wird so in eine Verschwörung hineingezogen, die Millennium retten könnte, in dessen Mitte aber auch der autistische Sohn Balders sitzt und in höchster Gefahr schwebt. Nur gut, dass auch Lisbeth Salander aus ihren eigenen Gründen Interesse an dieser Geschichte hat und bald im Geschehen mitmischt. Nur sie scheint mit ihren nicht immer legalen Methoden das Blatt wenden zu können. Doch wird sie es auch schaffen?

David Lagercrantz hat sich ausführlich mit der Vorgängertrilogie von Stieg Larsson auseinandergesetzt und nimmt in “Verschwörung” viele offene Erzählstränge wieder auf und spinnt sie auf seine eigene Art und Weise weiter. Im Gegensatz zum Schöpfer dieses Universums erzählt der in Schweden sehr bekannte Autor aber eine weichere, weniger gewalttätige Geschichte. Natürlich kommt es auch in diesem Thriller zu schlimmen Szenen und spannenden Sequenzen, jedoch eckt Lagercrantz hier nicht so gekonnt wie Larsson an und überschreitet ebenfalls keine wirklichen Grenzen. Die Story wird mit einem konstanten Spannungsbogen erzählt, man fühlt sich fast wie in einem amerikanischen und nicht wie in einem skandinavischen Thriller.

Die Charaktere, allen voran die von vielen geliebten Protagonisten, sind gut eingefangen und wiedergegeben worden, wobei man auch hier anmerken muss, dass bei Larsson alles etwas rauer, eckiger und ruppiger erschien, was für mich einen besonderen Reiz ausgemacht hat. Man hat auch hier einen Mikael Blomkvist als Womanizer, exzellenten Enthüllungsjournalisten und loyalen Mitarbeiter und Freund geschildert. Ebenso wurde Lisbeth wieder auf ihre eigene Art und Weise beschrieben, vor allem ihr Hass gegenüber Männern, die Frauen hassen. Mir erschien es aber so, dass hier Ecken abgerundet, Charaktere in dem für sie möglichen Maße gemäßigt wurden. Alles wirkt wie einmal durch den Weichspülgang gejagt.

Positiv empfand ich, dass Lagercrantz konstant spannend zu erzählen wusste und es nicht wie bei Larsson für mich hin und wieder zu gewissen Längen kam.
Als eher negativ muss ich anmerken, dass Larssons Geschichten weitaus komplizierter gestrickt, raffinierter Verwoben und damit für den Leser viel interessanter geschildert wurden. Dort fühlte man sich wirklich in ein tiefes Geheimnis eingeweiht, aus dem es kein Entrinnen zu geben schien, dass einen gnadenlos traktierte und bei dessen Wendungen einem manchmal der Mund offen stehen blieb. Dies habe ich hier schlichtweg vermisst. Zudem fragt man sich als Leser, ob Larsson die Geschichte rund um Millennium und Salander wirklich in diese Richtung getrieben hätte, ob dieser Weg der wirklich gedachte war. Ich wage es zu bezweifeln.

“Verschwörung” ist ein durchweg spannender, gut erzählter Thriller, den man losgelöst von seinen Vorgänger sehr gut genießen kann. Im Vergleich jedoch hat der Schöpfer von Salander und Blomkvist wirklich ein Meisterwerk erschaffen, an dass dieser vierte Teil leider nicht anknüpfen kann.

4stars

“Verschwörung” von David Lagercrantz aus dem Heyne-Verlag, 608 Seiten, ISBN-13: 978-3453269620

Buch bei Amazon.de: Verschwörung: Millennium 4 – Roman
Kindle-Version: Verschwörung (Millennium Trilogie, Band 4)
Verlagsseite des Buches: KLICK

Vielen lieben Dank an den Heyne-Verlag für das Bereitstellen dieses Rezensionsexemplares.

September 24

December Park – Ronald Malfi

Klappentext:

Im Herbst 1993 wird das beschauliche Städtchen Harting Farms in Maryland vom Verschwinden mehrerer Kinder erschüttert. Zunächst denken die Bewohner noch an Ausreißer – bis in dem großen, gespenstischen, umwaldeten December Park die erste Leiche eines Mädchens gefunden wird. Die Zeitungen sprechen vom Entführer als Piper – als Rattenfänger, wie in der Sage der Brüder Grimm -, weil er gekommen ist, um die Kinder wegzulocken. Doch in den Schulgängen flüstern die Kinder noch viel düsterere Namen.
Angelo Mazzone und seine Freunde entdecken eine Verbindung zu dem toten Mädchen und nehmen die Verfolgung des Mörders auf. Die fünf Jugendlichen schwören sich, der Schreckensherrschaft des Pipers ein Ende zu setzen. Doch was als mutiges Versprechen beginnt, entpuppt sich nicht nur als Odyssee in die Düsternis ihrer Heimatstadt und ihrer Bewohner, sondern auch als Selbsterfahrungstrip. In der Dämmerung ist auf den Straßen von Harting Farms jeder verdächtig, und jeder der Jungs könnte das nächste Opfer des Pipers sein.

Meine Meinung zum Buch:

“December Park” wird hauptsächlich in den Kategorien Thriller und teilweise auch Horror gefunden, was meines Erachtens der komplett falsche Anreiz für einen Leser dieses wunderschönen Romans ist. Es gibt zwar die Geschichte rund um den Piper und die Gruppe von Freunden um Angelo “Angie” Mazzone schreibt sich tatsächlich auf die Fahne diesen zu jagen, jedoch ist dies nur die Rahmenstory. Im Grunde geht es um das Erwachsenwerden, um jenes magische, besondere Jahr, in welchem man als Kind merkt, dass die Kindheit bald vorbei sein wird. Jenes Jahr, indem ein letztes Mal kindische Rituale wichtig sind und man doch merkt, dass all dies bald vorbei sein wird.

Erzählt wird dieses Jahr aus der Sicht von Angie, der zusammen mit seinem Vater und seinen Großeltern in Harting Farms wohnt. Er befindet sich am Beginn der Pubertät, streift aber noch mit seinen drei Freunden Peter, Scott und Michael durch das kleine Städtchen und erlebt so einige, teilweise nicht wirklich legale Abenteuer. Dann wird die Leiche eines kürzlich verschwundenen Mädchens gefunden und Angie sieht zusammen mit Peter und Scott zu, wie diese aus dem Wald herausgeschafft wird. Dieses Bild wird er so schnell nicht vergessen.
Da Angelos Vater Polizist ist bekommt er immer mehr zu spüren, wie sehr dieser Fall ihm zusetzt. Dieser versucht es zwar vor seinem Kind zu verbergen, doch die Stimmung zwischen beiden wird immer angespannter und man sieht sich kaum noch.
Als dann in das leerstehende Nachbarhaus ein seltsamer Junge einzieht und dieser später von den verschwundenen Kindern erfährt, die es nach und nach immer mehr zu verzeichnen gibt, beginnt die Jagd der fünf Jugendlichen auf den Piper, welcher der Polizei immer noch vollkommen unbekannt ist. Niemand kennt die Stadt Harting Farms so gut wie die Kinder, die in dieser Leben und die sie als Spielwiese nutzen. Wer also sollte eine bessere Chance haben den Kindermörder oder Hinweise auf ihn zu finden als eben diese Kinder?

Bereits nach wenigen Seiten hat mich der atmosphärisch starke Erzählstil Malfis gepaart mit der grandios ausgearbeiteten Charakterrealität und -tiefe in seinen Bann gezogen. Jeder, der Stephen Kings “Es” kennt wird zu Beginn an den Club der Verlierer denken, jedoch änderte sich meine Ansicht auf diesen Vergleich schnell, da ich finde, dass es wesentlich mehr Ähnlichkeiten zur Geschichte aus “Die Leiche” gibt. Man hat eine Rahmenhandlung, sei es hier die Jagd auf den Kindsmörder oder bei King die Suche nach der Jungenleiche, aber die eigentliche Geschichte dreht sich vielmehr um die Jungs selbst, um deren Leben und um das beginnende Erwachsenwerden. Welche Ängste begleiten Jugendliche in dieser Zeit, welche Stärken und Schwächen und welche dunklen Schemen aus der Vergangenheit?
Malfi erschafft hier eine Clique, die mir sofort ans Herz gewachsen ist. Der Roman spielt 1993/94 und die Jugendlichen sind zu dieser Zeit nur unbedeutend älter als ich es damals war. “December Park” hat mich wieder in die Abenteuer meiner Kindheit versetzt, wo die Welt noch grenzenlos und schillernd erschien. Gleichzeitig bekommt diese Fassade aber bereits erste Risse und das harte Leben holt die Protagonisten ein. Ich habe es geliebt eine kurze Zeit Teil dieser Gruppe zu sein.

Meines Erachtens ist dieses Buch daher für jeden Leser etwas, der solche sogenannten Coming-of-Age-Romane mag, der genauso wie ich dieses magische letzte Jahr der Kindheit sehr spannend findet. Man sollte jedoch vorsichtig sein, wenn man auf der Suche nach einem spannenden Thriller ist, denn wie bereits gesagt ist dies nur die Rahmenhandlung des Ganzen, getragen wird die Geschichte hiervon nicht. Ich für meinen Teil habe “December Park” genossen und geliebt und war am Ende so gefangen, dass mir das Loslassen nach der letzten Zeile sehr schwer viel. Für mich ein grandioser Roman.

5stars

“December Park” von Ronald Malfi aus dem Luzifer-Verlag, 500 Seiten, ISBN-13: 978-3958350328

Buch bei Amazon.de: December Park: Thriller (Abenteuer, Spannung)
Kindle-Version: December Park: Thriller
Verlagsseite: KLICK

September 13

Finderlohn (Bill Hodges #2) – Stephen King

ACHTUNG! Es folgt eine Besprechung zu einem Buch, das den zweiten Teil einer Reihe darstellt. Spoiler zu Band 1 “Mr. Mercedes” sind daher durchaus möglich und jedwedes Weiterlesen erfolgt auf eigene Gefahr.

Klappentext:

Besessen bis zum Mord

John Rothstein hat in den Sechzigern drei berühmte Romane veröffentlicht, seither aber nichts mehr. Morris Bellamy, ein psychopathischer Verehrer, ermordet den Autor aus Wut über dessen »Verrat«. Seine Beute besteht aus einer großen Menge Geld und einer wahren Fundgrube an Notizbüchern, die auch unveröffentlichte Romane enthalten. Bellamy vergräbt vorerst alles – und wandert dummerweise für ein völlig anderes Verbrechen in den Knast. Jahre später stößt der Junge Peter Saubers auf den »Schatz«. Nach seiner Haftentlassung kommt Bellamy dem ahnungslosen Peter auf die Spur und macht Jagd auf ihn. Kann Bill Hodges, den wir als Detective a. D. aus Mr. Mercedes kennen, den Wahnsinnigen stoppen?

Meine Meinung zum Buch:

“Finderlohn” ist der zweite Teil der Trilogie rund um den alten Detective Bill Hodges, der bis auf wenige Anspielungen auf den kommenden dritten Teil auch gute ohne diesen hätte auskommen können. Vielmehr scheint King mit dem Einbeziehen Hodges und der alten Crew aus Mr. Mercedes eine Brücke zwischen Band 1 und 3 zu weben, die eigentliche Geschichte wird von ihnen aber mehr tangiert als wirklich beeinflusst. So tritt der Ermittler im Ruhestand auch erst nach knapp 200 Seiten das erste Mal auf.

Erzählt wird die Geschichte von Morris Bellamy und Peter Saubers, von der Liebe zur Literatur und wie sich diese pervertieren lässt. Zwei Protagonisten werden eingeführt, die unterschiedlicher und doch erschreckend ähnlicher nicht sein können.

Morris Bellamy hat zu Beginn schon einiges auf dem Kerbholz und seinen ersten Knastaufenthalt hinter sich. Bellamy ist zudem sehr intelligent und verehrt John Rothstein, einen Bestsellerautor, der eine Trilogie um den Protagonisten Jimmy Gold erschaffen hat. Für Morrie ist Jimmy Gold ein Held und er ist gar nicht damit zufrieden, wie Rothstein im letzten Band mit diesem umgesprungen ist. Zusammen mit zwei Komplizen dringt er in das Haus des Autors ein, raubt dessen Geldbestände und – für ihn wichtiger – dutzende vollgeschriebene Notizbücher, die der alte Mann in den Jahren seit seinem Rückzug aus der Schriftstellerei beschrieben hat. Aus Rache für das, was Rothstein Gold angetan hat bringt Bellamy den Autor um und flieht Ende der siebziger Jahre zurück in seine Heimat. Aus Angst vor Entdeckung vergräbt er seine Beute und wird kurz darauf für ein anderes Vergehen zu lebenslanger Haft verurteilt.

In den 2010er Jahren entdeckt dann ein Junge namens Peter Saubers zufällig einen vergrabenen Koffer, der einen beachtlichen Geldbetrag und etliche Notizbücher enthält. Die Familie des Jungen steht kurz vor dem Bruch, er und seine Schwester leiden unter der kriselnden Ehe der Eltern, die vor der Armut stehen. Zudem kann sein Vater das Attentat des Mercedes-Killers nicht verkraften, dem auch er zu Opfer gefallen ist und wegen dem er seine Arbeitskraft eingebüßt hat. Der Geldsegen erscheint dem Jungen gerade recht und so lässt er seiner Familie heimlich und anonym monatliche Beträge zukommen, um ihr über die schlimme Zeit hinwegzuhelfen.

Vier Jahre später wird dann ein Mann aus der Haft auf Bewährung entlassen, der weniger an dem Geld als vielmehr an den Notizbüchern interessiert ist, die sich nun in Peters Besitz befinden und der mittlerweile um den Ursprung der Schriften weiß und den Autor Rothstein ebenso verehrt wie der Killer. Bellamy will die Bücher zurück und ist dafür bereit über Leichen zu gehen.

Stephen King hat einen unvergleichlichen Erzählstil, der mich immer wieder gefangen nimmt. Liest man seine Bücher, so ziehen die Zeilen einen direkt in eine Geschichte hinein, die bald darauf sehr plastisch wird und mit real wirkenden Charakteren bestückt ist. Wie schon so oft schafft er dies auch wieder in “Finderlohn”, indem er seinen Blick auf die Gesellschaft detailgetreu wiedergibt und so scheinbar keine fiktiven Personen erschafft, sondern solche, die einem durchaus auch im Supermarkt begegnen könnten. Ob man dies bei manchen Gesellen auch möchte ist eine andere Frage.
Seine teilweise ausschweifende Art gefällt nicht jedem, doch erliegt man dem Erzähler, so erscheint die erschaffene Welt noch realer, man wandelt fast selbstständig durch sie hindurch und begegnet dann bald wie durch Zufall der eigentlichen Geschichte, die erzählt werden soll.
Für mich erstaunlich muss ich bei diesem Buch doch das erste Mal anmerken, dass sich weite Strecken etwas ziehen. Bereits zu Beginn des Buches ist klar, worauf diese Story hinaus möchte. Auf dieses Ereignis dümpelt man zu, lernt die Charaktere näher kennen und erlebt Dinge aus deren Leben. Leider passieren dabei aber kaum bemerkenswerte Dinge, die der Geschichte eine manchmal fehlende Würze verliehen hätten. Keine Frage, der Erzählstil und die Charaktere sind grandios, aber es fehlt eben das Tüpfelchen auf dem i, das gewisse Etwas, das Gewürz an einem ansonsten einwandfreien Gericht, dass die Spannung aufrecht erhält. Daher habe ich das erste Mal bei einem Kingbuch bei mir selbst bemerkt, dass ich mir endlich eine Wendung gewünscht und herbeigesehnt habe.

Als das besagte Ereignis dann endlich eintritt, auf das man viele Seite hingearbeitet hat, nimmt die Geschichte sehr an Fahrt auf und endet dann in einem wirklich guten, beängstigendem Finale, dass die Frage aufwirft, wie weit Fantum gehen darf und was Besessenheit anrichten kann.

Wie ich Eingangs bereits erwähnte spielt Hodges selbst für mich in diesem Mittelteil einer Trilogie eine untergeordnete Rolle. Dennoch gibt es zwei Szenen, die bei mir und wohl auch bei vielen anderen Lesern ein diabolisches Grinsen auf das Gesicht gezaubert hat und einen die Warterei auf den dritten und abschließenden Band der Reihe schier unerträglich macht.

“Finderlohn” mit seinem mehr als passenden Titel ist eine Mischung aus zwei Lebensgeschichten und etwas Krimi, grandios erzählt und mit sehr menschlichen Charakteren bestückt, der es aber leider ab und an etwas an Spannung mangelt. King behandelt ein Thema, welches ihm selbst Angst bereitet: Die Liebe zur Literatur und was sie aus einem macht, wenn man den schmalen Grad zur Besessenheit überschreitet und vergisst, dass zwischen zwei Buchdeckeln im fiktiven Bereich keine wirklichen Menschen warten, sondern eben nur eine Geschichte – so gut sie auch sein mag.

4stars

“Finderlohn” von Stephen King aus dem Heyne-Verlag, 544 Seiten, ISBN-13: Finderlohn: Roman
Kindle-Version: Finderlohn: Roman
Verlagsseite des Buches: KLICK

Vielen Dank an den Heyne Verlag für das Bereitstellen dieses Rezensionsexemplares.

September 6

Feindesland (Spademan #2) – Adam Sternbergh

ACHTUNG! Es folgt eine Besprechung zu einem Buch, das den zweiten Teil einer Reihe darstellt. Spoiler zu Band 1 “Spademan” sind daher durchaus möglich und jedwedes Weiterlesen erfolgt auf eigene Gefahr.

Klappentext:

Das Ende ist nah

Terroristen haben New York zweimal in die Luft gesprengt. Das World Trade Center und den Times Square. Beides hat einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Eine Weile lang ist es ruhig gewesen. Kein Wunder, wenn alle nur träumen. Aber jetzt scheinen die Terroristen tatsächlich einen Weg gefunden zu haben, in die Träume einzudringen … Spademan stellt sich ihnen entgegen.

Meine Meinung zum Buch:

Alles beginnt mit einem Anruf und einem Namen. Spademan geht wieder seinen Geschäften nach und entsorgt den Müll, für den er bezahlt wird. Doch etwas hat sich verändert. Spademan hadert mit sich selbst, da er nicht mehr nur die Kugel ist, die sich ihren Weg bahnt und Leben auslöscht, während andere die Waffe abgefeuert haben. Spademan hat nun sowas wie Verantwortung und eine Art Familie, die er beschützen muss. Vielleicht ist das der Grund, warum er bei seinem aktuellen Auftrag dem Müll Gehör schenkt und ihn daraufhin verschont. Natürlich bleibt es nicht dabei und erneut wird er in Machenschaften verstrickt, die nicht nur sein Leben und das seiner Familie bedrohen. New York und im speziellen Manhatten scheinen erneut angegriffen zu werden und diesmal dort, wo es den Menschen wirklich weh tut. Nur Spademan kann sich dem entgegen stellen. Doch will er das überhaupt?

Band 1 dieser hoffentlich noch lange andauernden Reihe hatte mich schon begeistert, Band 2 tat dies ebenso. Wieder erwartet den Leser ein abgeklärter, nüchterner Schreibstil in kurzen, prägnanten Sätzen aus der Sicht des nach wie vor namenlosen Spademans. Mit trockenem, schwarzen Humor, der total auf meiner Wellenlänge liegt berichtet Spademan aus seinem nun veränderten Leben. Er erzählt von der Verantwortung, die er nun zu tragen hat und hadert mit sich, da er kein reines agierendes Werkzeug mehr sein kann. Bei seinem aktuellen Auftrag wird die Limnosphäre derart angegriffen, wie es nicht möglich zu sein schien und Spademan stolpert mitten hinein.

Adam Sternbergh schafft es erneut einen tollen Roman zu schreiben, der eine düstere Aussicht auf die Zukunft wirft und gleichzeitig viel Potential für die eigenen Gedanken lässt. Die Story ist lange Zeit nicht durchsichtig und wartet immer wieder mit spannenden Wendungen auf und beschäftigt sich gleichzeitig mit Themen wie Korruption, Terrorismus und der Realitätsflucht des modernen Menschen. Dinge sind nicht so, wie sie zu sein scheinen und können dem Leser gerade in diesen Zeiten bewusst machen, dass lang nicht alles so ist, wie es zu sein scheint oder wie es einem die Medien weismachen wollen. Kritisch betrachtet wird vor allem der Konsum virtueller Medien, der Umgang mit Terrorismus und dem Verallgemeinern von Bevölkerungsschichten, nur weil gewisse Individuen daraus etwas getan haben. “Feindesland” ist noch mehr als sein Vorgänger ein Spiegel der aktuellen Gesellschaft.

Der Autor versteht es zudem hervorragend Typen zu schaffen. Kein Charakter in diesem Buch ist eindimensional oder langweilig, alle wirken echt und begeistern auf ihre ganz eine Art und Weise. Alleine mit dem Antihelden Spademan, eigentlich Auftragskiller und nüchterner Mensch, der nun zum zweiten Mal den Helden spielen muss ist ihm ein grandioser Protagonist gelungen.

Wie auch schon beim Debütroman muss man hier für Interessierte erwähnen, dass der Schreibstil des Schriftstellers nicht gewöhnlich ist und einem liegen muss. Kurze, nüchterne Sätze, knappe, in der Lokalität springende Kapitel und keine gekennzeichnete wörtliche Rede heben sich definitiv von vielen anderen Büchern ab. Mir liegt diese Art des Lesens aber definitiv.

Ich bin nach wie vor sehr begeistern von Sternbergh und seinem Protagonisten Spademan und dessen Geschichten. Band 1 hätte für mich alleine stehen können, Band 2 lässt mit seinem spannenden Ende definitiv einen kleinen Cliffhanger für einen potentiellen weiteren Band offen, der von mir wieder gelesen werden wird – auf jeden Fall!

4stars

“Feindesland” von Adam Sternbergh aus dem Heyne Hardcore Verlag, 368 Seiten, ISBN-13: 978-3453269040

Buch bei Amazon.de: Feindesland: Thriller
Kindle-Version: Feindesland: Thriller
Verlagsseite des Buches: KLICK

Vielen Dank an den Heyne Hardcore Verlag für das Bereitstellen dieses Rezensionsexemplares.

August 29

Pandemic: Die Seuche – Scott Sigler

ACHTUNG! Es folgt eine Besprechung zu einem Buch, das den dritten und abschließenden Teil einer Reihe darstellt. Spoiler zu Band 1 “Infiziert” und Band 2 “Virulent” sind daher durchaus möglich und jedwedes Weiterlesen erfolgt auf eigene Gefahr.

Klappentext:

Die außerirdische Sonde ist zerstört worden. Doch bevor sie in Flammen aufging, hat sie ihre letzte Waffe entfesselt: eine winzige Dose, gefüllt mit Sporen, die unsere Erde endgültig vernichten sollen. Jahrhundertelang ruhte der Behälter am Grund des Lake Michigan … bis heute.

Nur wenige Tage nach dem Ausbruch der außerirdischen Seuche stehen bereits ganze Kontinente vor der Auslöschung. Das Schicksal unseres Planeten ruht auf den Schultern einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern. Gelingt es ihnen, ein Heilmittel zu finden, bevor die Verwandelten die totale Vernichtung herbeiführen?

Meine Meinung zum Buch:

Ehrlicherweise muss ich jedem Leser dieser Zeilen gleich zu Beginn sagen, dass sie von einem Fan geschrieben wurden. 2008 wurde ich beim Stöbern in einer Buchhandlung auf den ersten Band dieser Reihe aufmerksam und da ich gerne neue Autoren ausprobiere, wenn mich die Bücher inhaltlich ansprechen, hab ich einfach zugegriffen und bin in der Geschichte von “Infiziert” versunken. Sigler hat mich aufgesogen, in einen Höllentrip geschmissen und mich anschließend wieder ausgespuckt und ich war fortan ein Überträger und Süchtiger, was seine Geschichten und seine Fantasie anbelangt. So habe ich mehr als nur gefiebert, als nach so langer Wartezeit nun auch endlich der abschließende Band der Infected-Trilogie auf deutsch erschienen ist.

Doch ich hatte auch Angst. Wie sollte Band 3 funktionieren, wo doch die für mich im Mittelpunkt stehende Figur der Reihe nicht mehr auftauchen würde? Scary Perry Dawsey ist zwar objektiv nur in Band 1 der wirkliche Protagonist, bereits in “Virulent” musste er in den Hintergrund treten, doch was Sigler am Ende dieses Buches mit ihm anstellte schloss eine Wiederkehr quasi aus. Ob dies wirklich so ist, müsst ihr dann übrigens selbst erlesen.

Kurz nach dem Beenden des letzten Bandes muss ich nun sagen, dass meine Ängste nicht begründet waren. Ja, Dawsey hat mir gefehlt, sehr sogar, aber Sigler kann es auch ohne ihn.

Fünf Jahre nach den Ereignissen in Detroit ist Margaret Montoya ein Wrack. Sie kann einfach nicht verarbeiten, was geschehen ist und wie viele Menschen aufgrund ihrer Entscheidung ihr Leben lassen mussten. Täglich durchforstet sie das Internet nach neuen Hasskommentaren, die sich auf ihre Person beziehen. Nicht einmal Clarence Otto schafft es seine Frau aus diesem Sumpf zu ziehen und so steht ihre Ehe kurz vor dem Aus.
Da tritt Murray Longworth auf den Plan und dies kann nur eines bedeuten: Es gab wieder neue Ausbrüche der außerirdischen Seuche und Montoya ist die Einzige, die das Wissen und die Erfahrung besitzt sich diesem Gegner erneut zu stellen.

Infiziert – Virulent – Pandemic beschreibt sehr gut, wohin sich diese Geschichte entwickelt hat. Im ersten Band hat man wenige Infizierte und eine neuartige Krankheit, die es zu erforschen und zu bekämpfen gilt. Im zweiten Band wird alles nochmals schlimmer, wesentlich mehr Menschen werden befallen und am Ende noch viel mehr sterben. In Band drei wird nun keine Person oder ein Land bedroht, sondern schlichtweg die ganze Welt. Bevor der Orbiter vor fünf Jahren zerstört werden konnte hat er die letzte Erregerkapsel so programmiert, dass eine Infektion mit schier ungeheuerlichen Ausmaßen auf die Menschheit losgelassen werden soll. Das Ziel ist diesmal nicht auf ein Portal gerichtet, sondern schlichtweg auf Ausrottung.

Sigler startet in diese apokalyptisch anmutende Geschichte eher ungewohnt gemächlich. Es dauert seine Zeit, bis die Seuche wirklich ausbricht und zuschlägt. Viele Seiten schwebt das Unheil wie eine dunkle Wolke über den Köpfen der Protagonisten, die mit sich und der Welt hadern. Es erschien mir fast so, als ob Sigler selbst das Unumgängliche herauszögern wollte, da mit der letzten Zeile und dem letzten Wort endgültig das Kapitel dieser Trilogie geschlossen werden würde.

Mit dem Auftauchen eines neuen und doch Siglerlesern bekannten Charakters ändert sich dies langsam. Das wahre Ausmaß der drohenden Pandemie wird langsam klar und als diese schließlich ausbricht geht es wieder so richtig ab. Als Leser muss man hier viel verkraften können, da Sigler schonungslos schreibt, ehrlich und nicht beschönigend. Seine Charaktere handeln menschlich und damit nicht immer nett und auch die eigenen engsten Protagonisten werden niemals geschont.

Besonders gut gefallen hat mir, dass der Autor nun einen Weg einzuschlagen scheint, den ich auch schon bei Stephen King sehr schätze. Seine Bücher bekommen Bezüge untereinander, so dass man bekannte Charaktere wieder trifft und eine komplexe Welt geschaffen wird, die sich fest im Fanherzen verankert.

Meiner Meinung nach sollte jeder Leser, der Interesse an Horror, SciFi und Wissenschaft hat und zudem eine spannende und schonungslos ehrliche Geschichte mit echten Charakteren und Typen bevorzugt, zu den Büchern von Scott Sigler greifen – im speziellen zur grandiosen Infected-Trilogie, die sich mit dem abschließenden Band nun definitiv ihren Platz unter meinen absoluten Lieblingsgeschichten gesichert hat. Der letzte Band bekommt lediglich keine volle Punktzahl, da mir der Anfang des Buches etwas zu gedehnt war und ich einfach jemanden mehr als arg vermisst habe. Obwohl… Aber nein, lest diese Geschichte selbst!

4stars

Übrigens ist der Trailer zum letzten Buch grandios und gerade wenn man den Hintergrund der Bilder kennt unheimlich Gänsehauterzeugend. Der Wahnsinn, so sollten Buchtrailer sein!

“Pandemic: Die Seuche” von Scott Sigler aus dem Festa-Verlag, 768 Seiten, ISBN-13: 978-3865523815

Buch bei Amazon.de: Pandemic – Die Seuche
Kindle-Version: Pandemic – Die Seuche
Verlagsseite des Buches: KLICK

August 22

Cryonic 2: Bruderschaft des Kreuzes – Vitali Sertakov

ACHTUNG! Es folgt eine Besprechung zu einem Buch, das den zweiten Teil einer Reihe darstellt. Spoiler zu Band 1 “Cryonic: Der Dämon erwacht” sind daher durchaus möglich und jedwedes Weiterlesen erfolgt auf eigene Gefahr.

Klappentext:

Es sind Jahre vergangen, seit der St. Petersburger Wissenschaftler Artur Kowal seinem kryonischen Sarkopharg entstieg und den Namen »Dämon« erhielt. Nun hat er sich zum mächtigsten Mann jenes Landes erhoben, das einst Russland war. Die Bürde der Verantwortung lastet schwer auf ihm, aber seinen Kampf für eine zivilisierte Gesellschaft und eine Zukunft des Menschen auf der zerstörten Erde hat er noch lange nicht aufgegeben. Dafür wagt er sich mit einer auserwählten Bruderschaft in die Hölle selbst: nach Europa, wo er französische Wissenschaftler aus ihrem Kälteschlaf erwecken möchte. Doch während er und seine Gefährten sich durch die todbringende Natur Deutschlands und Frankreichs schlagen, hat sich sein größter Feind erneut erhoben …

Meine Meinung zum Buch:

Band 1 dieser Reihe hat mir mit einigen Abstrichen gut gefallen. Eine futuristische Welt, die sich doch rückentwickelt hat. Eine Umwelt, die sich an der Menschheit für die Gräueltaten rächt, die man ihr angetan hat. Und inmitten dieser Szenerie ein Mensch aus unserem Hier und Jetzt, der über 100 Jahre geschlafen hat und mit seinem “alten” Wissen nun die Welt aufmischt und zu richten versucht. Der Protagonist Artur Kowal, genannt der Schmied, hat in Band 1 gegen Sklaverei und Ungerechtigkeiten gekämpft und sich schließlich zum Gouverneur St. Petersburgs aufgeschwungen und so eine neue Ordnung geschaffen, in der verschiedene Menschengruppen wieder zusammenarbeiten müssen und Unterdrückung und Korruption der Vergangenheit angehören.

Die “Bruderschaft des Kreuzes” setzt etwas später an, als Kowal einer hohen Gemeinschaft der Wipper Rede und Antwort stehen muss über seine Reise nach Paris, wo er weitere Kälteschlafkapseln öffnen und Menschen aus der alten Welt in diese wecken wollte. Es wird im ersten Teil des Buches von dieser Reise erzählt, wobei bei manchen Charakteren sofort klar ist, dass diese nicht heimkehren werden.

Leider habe ich bereits zu Beginn eine kleine Rückblende in Buch 1 vermisst, so dass einem – sollte die Lektüre des ersten Bandes etwas her sein – Erinnerungen wieder aufgefrischt werden. Stattdessen findet man sich gleich wieder mitten in einer fortgeführten Geschichte wieder und bekommt auch im Verlauf dieser keine wirklichen Erinnerungshappen vorgeworfen.

Sertakov schickt seine kleine Karawane aus Piter los Richtung Paris und unterwegs treffen sie auf beinahe unvorstellbare Auswüchse der entarteten Natur, aber auch auf neue Freunde und Feinde. Leider erschien mir dieser Reisebericht sehr emotionslos und aneinandergereiht. Es gibt für den Leser viel zu verdauen und zu verstehen, da der Autor der Fantasie der Leser einiges abverlangt. Ein sonderbares Erlebnis reiht sich an das nächste und die Charaktere bleiben blass und uninteressant. Zudem wird gemetzelt was das Zeug hält, sobald man auf andere Menschen trifft, fragen kann man ja noch später. Die menschlichen Werte, die in Band 1 noch angepriesen wurden, scheinen fast vergessen.

Sobald ich mich durch den ersten und das Buch dominierenden Teil gearbeitet hatte befand man sich wieder bei Kowal in Piter und seiner Frage- und Antwortstunde bei den Wippern. Im sich anschließenden zweiten, wesentlich kürzeren Teil des Buches geht es dann wesentlich politischer zur Sache.

Wahlen stehen in Piter an, eine dem Schmied doch irgendwie bekannte Gefahr greift aus Richtung der Türkei immer weiter um sich und Unruhen machen sich im Volke breit. Nachdem der Leser einem pornografischen Kapitel beiwohnen durfte kümmert sich die Geschichte stakkatohaft um die Probleme im alten Russland. Hier tauchen auch kurz wieder die menschlichen Ansprüche Kowals auf, der alle Gruppierungen zu einem neuen Russland vereinen möchte. Dennoch sind auch diese Ausführungen unzufriedenstellend, es wird wieder gemetzelt und die politischen Auswüchse erscheinen nicht intrigant und intelligent, sondern durchschaubar und unscheinbar. Über die große Gefahr aus dem Orient erfährt man nur leidlich mehr und selbst persönliche Tragödien wirken blass und uninteressant.

Leider war ich sehr enttäuscht von diesem Band. Lag es am dominanten Thema High Fantasy, das mir nicht liegt? Lag es an blassen Charakteren, Logiklücken oder fehlenden Informationen? Ich weiß es nicht. Ich weiß zudem nicht, ob diese Reihe noch weitere Bände erhalten wird. Ich weiß nur, dass für mich an dieser Stelle leider Schluss sein wird mit Cryonic. Die Idee hinter dem Ganzen begeistert mich nach wie vor, aber leider hat die Geschichte mich in seinem zweiten Akt verloren.

2stars

“Cryonic: Bruderschaft des Kreuzes” von Vitali Sertakov aus dem Piper-Verlag, 496 Seiten, ISBN-13: 978-3492703086

Buch bei Amazon.de: Cryonic: Bruderschaft des Kreuzes (Cryonic 2)
Kindle-Version: Cryonic: Bruderschaft des Kreuzes (Cryonic 2)
Verlagsseite des Buches: KLICK

August 20

Familienmassaker – Tim Miller

Klappentext:

Im Jahre 2010 wurde eine der grausigsten Entdeckungen in der Geschichte von Texas gemacht. Auf dem Gelände einer verlassenen Farm bei San Antonio fand man zahlreiche Körperteile und menschliche Überreste. Nur wenig wurde darüber publik gemacht. Bis heute.

Eddie Mason ist ein freundlicher, kleiner Mann. Und mit viel Liebe lehrt er seinen Kindern Brandi und Jeffrey die abscheuliche Kunst des Tötens …

FAMILIENMASSAKER ist eine Reise voller Folter, Kannibalismus und Irrsinn. Tim Miller treibt den Leser in eine Welt voller Tabus.

Meine Meinung zum Buch:

“Familienmassaker” ist ein Buch aus der Festa Extrem Reihe. Man kann es wohl als harmloseren Darsteller dieser Serie von Büchern betrachten, die ohne ISBN-Nummer und erst ab 18 Jahren direkt vom Verlag gekauft werden können, da es eine ebook-Variante zu erwerben gibt. Kennt man aber den Festa-Verlag, so weiß man, dass selbst im normalen, nicht extremen Programm Bücher aus dem Horrorbereich zu finden sind, die von Gore, Sex und Mord zur so strotzen. Einen stabilen Magen sollte man bei der Lektüre daher auf jeden Fall mitbringen.

In diesem kurzen Folterreigen von Tim Miller geht es um den Protagonisten Eddie Mason, der in einer ihm verhassten Ehe lebt und sich nicht gegen seine Frau behaupten kann, die ihn nach Strich und Faden betrügt und demütigt. Mason verwandelt sich wohl aus diesem Grund immer wieder in die Maske und baut einen grausamen Familienkult auf, von dem seine beiden Kinder auch immer mehr gefangen genommen werden. Nach und nach verschwindet Mason, die Maske wird immer beherrschender und züchtet sich seine Nachfolger von Kleinkinderbeinen auf an.

Sollte man nach dem Lesen dieses Buches des nachts einem kleinen Jungen mit Maske begegnen, wird man sich zweimal überlegen, ob man ihn fragt, was er zu dieser Stunde noch alleine auf der Straße zu suchen hat. Dieser kleine unschuldig wirkende Junge könnte nicht alleine sein und das eigene Leben bald nur noch aus Fleisch bestehen, das es nach bestimmten Regeln zu verfeinern gilt, bevor man es verzehrt.

Der Titel des Buches ist vielsagend, denn die Familie Mason begeht immer wieder Massaker an unschuldigen Menschen. Auf äußerst brutale Art und Weise wird gefoltert, verstümmelt und gequält und auch Kannibalismus spielt eine große Rolle. Der von mir nicht wirklich gemochte Anteil an sadistischem Sex und Vergewaltigung, der so oft in solchen Büchern zu finden ist und meiner Meinung nach nur Ekel erzeugen und Effekte erhaschen soll fehlt hier völlig. Statt dessen bekommt man als Leser die reinste Gänsehaut, wenn man bedenkt, was dieser Familienvater seinen Kindern beibringt und zu welcher Art von Monster er sie erzieht.

Das Buch wird sowohl aus Opfer- als auch aus Tätersicht beschrieben, kratzt aber im Charakterausbau nur an der Oberfläche, da es primär in diesem kurzen Büchlein um Folter, Mord und Kannibalismus geht.

Wer wie ich sowas gerne zwischendurch mal liest, aber keine austauschenden Körpersäfte dabei braucht, der ist mit diesem kurzweiligen Roman aus Blut und Gedärm gut bedient.

4stars

“Familienmassaker” von Tim Miller aus dem Festa-Verlag, ca. 113 Seiten, ASIN: B00Y0AIJV8

Buch bei Amazon.de als Kindle-Version: Familienmassaker: Festa Extrem
Verlagsseite des Buches: KLICK

August 15

Virulent – Scott Sigler

ACHTUNG! Es folgt eine Besprechung zu einem Buch, das den zweiten Teil einer Reihe darstellt. Spoiler zu Band 1 “Infiziert” sind daher durchaus möglich und jedwedes Weiterlesen erfolgt auf eigene Gefahr.

Klappentext:

Überall in Amerika verwandeln mysteriöse Parasiten unschuldige Bürger in wahnsinnige Mörder. Als einziger Mensch überlebte Perry Dawsey die unbekannte Seuche. Er ist die letzte Hoffnung, der Bedrohung Herr zu werden und den Untergang abzuwenden. Denn diese neue Krankheit besitzt eine tödliche Intelligenz, und die Menschheit steht vor der Entscheidungsschlacht.

Meine Meinung zum Buch:

Nachdem wir im ersten Teil Perry Dawseys wahnswitzigen, brutalen und heftigen Überlebenskampf gegen die blauen Dreiecke miterlebt haben spinnt Sigler die Story um eine ungewöhnliche Außerirdischeninvasion weiter.

Immer noch befindet sich die Schaltzentrale der Invasoren im Orbit unseres Planeten und hat aus der Niederlage gegen Dawsey gelernt. Modifizierte Sporen werden auf die Menschheit losgelassen und sollen diesmal verhindern, dass die Menschen das Tor finden und zerstören können, bevor es aktiviert wurde und ihre Armee ausspucken konnte. Wieder tauchen infizierte Menschen auf, die durchdrehen und ihre Liebsten und sich selbst bestialisch zerstören, doch im Großen und Ganzes läuft alles koordinierter ab.

Nachdem Margaret Montoya Dawsey wieder zusammengeflickt hat und er sich einigermaßen erholen konnte stellt man fest, dass seine Verbindung zu anderen Infizierten nicht vollkommen gekappt wurde. Perry hetzt durch das Land und erlöst einen Infizierten nach dem anderen von seinem Leiden, da ihm niemand stark genug erscheint, um es mit den Dreiecken aufzunehmen. Dew Phillips versucht zusammen mit seinem kleinen Team Dawseys Antennen zu nutzen, aber ihn gleichzeitig daran zu hindern die infizierten Menschen abzuschlachten. Zudem braucht Montoya unbedingt einen lebenden Infizierten, um den Vorgängen weiter auf die Spur zu kommen und zu verstehen, was genau bei einer Infektion passiert.

Dann ändert der Orbiter etwas in seinen Sporen und erschafft damit ein neues Grauen, dem alle Gegner machtlos gegenüberstehen. Im Mittelpunkt des Ganzen steht ein Engel mit goldenen Locken und dem Namen Chelsea.

Diesmal erzählt Sigler keine One-Man- bzw. One-Perry-Show und eine Story von Montoya und Phillips daneben, wie sie machtlos der neuen Bedrohung gegenüberstehen. Der Gegner ist bekannt und es gilt nicht nur einzelne Menschen sondern Amerika zu retten. Die Bedrohung weitet sich aus, wird intelligenter und schlimmer und ein actiongeladenes, brutales Katz- und Mausspiel beginnt.

Lag der Fokus in “Infiziert” noch deutlich auf Dawsey Überlebenskampf und dem Entdecken der Dreiecke, so beschäftigt sich “Virulent” mit weiteren Themengebieten. Dawsey findet auch statt, findet seinen Raum und auch Erlebnisse aus dem Vorgängerband werden angeschnitten und thematisiert, jedoch liegt hier nicht mehr der Hauptaugenmerk. Die Geschichte wird relativ ausgeglichen aus der Sicht der kämpfenden Menschen, aber auch aus der Sicht von Infizierten, vom Orbiter und von Chelsea erzählt.

Wirklich meckern kann ich nicht, aber im Vergleich zum Vorgänger muss ich sagen, dass das Buch in der Mitte einen leichten Hänger in Sachen Spannung hat und dort etwas braucht um wieder rasant zu werden.

Sigler-Leser sollten Action mögen, Wissenschaft, gute Recherche, SciFi, und Horror. Zudem sollte man bei manchen Szenen einen starken Magen besitzen. Ich wäre aber kein Fan dieses Autors, wenn er neben dem spannenden Actiongedöns nicht auch Platz für Charakterausbau ließe und somit auch mit der Fortsetzung der Reihe einen genialen Roman geschaffen hat, den ich liebe und dessen Ende mich immer wieder verzweifeln lässt.

5stars

“Virulent” von Scott Sigler aus dem Heyne-Verlag, 672 Seiten, ISBN-13: 978-3453433816

Buch bei Amazon.de: Virulent: Thriller
Kindle-Version: Virulent: Thriller (Infected 2)
Verlagsseite: KLICK